Seine Augen waren auch die ihren

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Unser Mitglied Maria-Theresia Müller erzählt aus ihrem Leben.

von Janine Hosp

Sie sagt zu ihrem Hund: «Gino, avanti!» Dann laufen sie los. Die Kirchenstiege hinunter 55 Stufen. Die Strasse entlang.

Motorenlärm schwillt an und ab, an und wieder ab. Der Hund keucht. Er hat ein rasantes Tempo angeschlagen, die Frau an seiner Leine wird mehr gezogen, als dass sie selber geht. Wasser plätschert.

Der Hund hält vor einem Tor, wedelt und springt hoch. «Bravo», sagt sie und tätschelt ihn.
Ihre Hand tastet das Geländer entlang, bis sie eine Türklinke greift. Sie öffnet das Tor. Kies knirscht unter ihren Füssen. Der Hund zieht nach links, nach rechts und spurt in einen schmalen Weg ein, springt an ihr hoch. Die Frau kniet nieder. Am Grab ihres Mannes. 

Maria-Theresia Müller und ihr Mann Hans aus Bremgarten AG waren fünfzig Jahre verheiratet. Sie ist blind, und er war taub.
Seine Augen waren auch die ihren und ihre Ohren waren die seinen. 
Als er letztes Jahr starb, hat sie mit ihm ein zweites Mal ihr Augenlicht verloren. Ohne ihn ist für sie das Leben schwieriger geworden, mit ihm war es aber auch nicht einfach. Wenn sie kochte, stand nicht mehr immer alles dort, wo sie es hingestellt hatte. Und so gab es den Selleriesalat statt mit Ananas mit Thunfisch. Hatte sie gekocht konnte sie ihren tauben Mann nicht rufen. Sie ging durch die Wohnung und suchte ihn statt mit den Augen mit den Händen. Sie tastete alle Plätze ab, an denen er sich gern aufhielt. Häufig arbeitete er im Garten. Wenn sie ihn nicht fand, stand sie in den Garten und winkte, auch wenn sie nicht wusste, in welche Richtung sie winken sollte. Wenn sie ihn fand, sagte sie: «Das Mittagessen ist fertig», und las es von ihren Lippen.

Das Telefonbuch, die Bücher im Kopf

Jetzt tastet ihre Hand das Grab ab, erkennt den Blumentopf, den Engel aus Stein, das Grablicht. Es ist warm, es brennt noch. Sie wirkt wie eine Marathonläuferin, auch wenn sie nie einen Marathon gelaufen ist. Ihr Körper erscheint noch mit 77 Jahren athletisch und in ihre feinen Gesichtszüge hat sich diese Geklärtheit und Entschlossenheit gezeichnet, wie sie sich bei Spitzensportlern zeigt. «Ich habe nie aufgegeben», sagt sie. Auch wenn sie die Verzweiflung beinahe dazu gebracht hatte. 

Wenn sie heute nach etwas sucht, dann sucht sie lange. 
Früher war es einfacher. Sie suchte erst ihren Mann und mithilfe seiner Augen das, was sie eigentlich suchte.
Dafür telefonierte sie für ihn, etwa mit der Spitex. Sie hat die ganze Agenda im Kopf, zudem das Telefonbuch, den Stadtplan, den Geburtstagskalender und den Fahrplan auch als er noch dick und nicht getaktet war.
Je weniger sie sah, desto mehr lernte  sie auswendig. Ihr Leben war zu einer einzigen grossen Gedächtnisübung geraten. Ihr Mann beherrschte die Gebärdensprache, so konnte er am einfachsten kommunizieren. 

Als er als Kind die Schwerhörigenschule besuchte, war es verboten, sie zu brauchen; man wollte die Schülerinnen und Schüler zum Sprechen zwingen.
Wer sich nicht daran hielt, musste die ganze Stunde hinter der Tür stehen oder hundertmal schreiben: «Ich darf nicht mit den Händen sprechen.» 

Die Frau und der Mann, sie brauchten einander. Wenn sie zusammen unterwegs waren, führte er sie über die Strasse, und sie hörte die Autos, die er vielleicht nicht hat kommen sehen. In Städten war er im Vorteil, ihm machte es nichts aus, wenn es lärmig war. Auf Spaziergängen konnte er dafür den Kuckuck nicht hören; seine Frau machte ihm dann ein Zeichen.

Bild: Maria-Theresia Müller spaziert
Bild: Maria-Theresia Müller spaziert

Ein stattlicher und überaus fröhlicher Mann

Wie aber konnte das Paar unter diesen Umständen zusammenfinden?
Maria-Theresia Müller war 24 Jahre alt, als sie einen Gehörlosengottesdienst in Baden besuchte. Damals war auch sie taub, aber sie konnte noch sehen. 

Und sie sah einen stattlichen und überaus fröhlichen Mann. Er war als Baby im Kinderwagen die Treppe hinuntergestürzt und hatte dabei ein Auge und das Gehör verloren. 

Heiratsbild: Maria-Theresia und Hans Müller 1970
Heiratsbild: Maria-Theresia und Hans Müller 1970

 

An den Gottesdienst vor über fünfzig Jahren kann sich Maria-Theresia Müller gut erinnern: «Es hat sofort gefunkt», sagt sie.
Dieser Mann gefiel ihr. Und er machte ihr den Hof und besuchte sie.
Sie aber hatte Bedenken: Wie sollten sie sich verstehen, wenn sie beide nicht hören konnten?
Ihre Familien drängten jedoch auf eine Heirat – so waren beide versorgt. 

Maria-Theresia Müller wurde als erstes von elf Kindern geboren, ihre Eltern waren Bauern. Sie hörte schon als Kind nicht gut und verstand ihre Eltern und den Lehrer kaum – und diese auch sie nicht; sie konnte Zischlaute oder Gaumenlaute wie k oder g weder verstehen noch aussprechen und sagte etwa «dodo» statt «soso».

Die Eltern, mit Hof und Kindern ohnehin an ihren Grenzen, waren mit ihrer Einschränkung überfordert.
Weil sie Mühe hatte, kleine Buchstaben zu entziffern, sagten sie ihr: «Du kannst halt nichts.» Und wenn sie abends nach dem Jugendchor nach Hause liefen und sie wegen ihrer Nachtblindheit plötzlich mitten in einem Feld stand, hiess es: «Du schaust halt nicht richtig.»
Geld für einen Arzt hatte die Familie ohnehin nicht. Als Älteste arbeitete Maria-Theresia viel auf dem Hof. Sie blieb dabei meist allein in ihrer Welt. Kaum jemand sprach mit ihr oder erzählte, was um sie herum geschah. Sie fühlte sich inmitten ihrer Familie verloren.

Der Hund versteht nur Italienisch

Hans und Maria-Theresia Müller bekamen später zwei Kinder, beide kamen sehend und hörend zur Welt.
«Gott sei Dank», sagt die Mutter.
Als Maria-Theresia Müller nicht hören, aber noch sehen konnte, war es einfacher. Sie und ihr Mann lasen sich gegenseitig von den Lippen, verständigten sich mit Gebärden oder schrieben auf, was sie sich sagen wollten. Damit sie sich von den Lippen lesen konnten, mussten sie Hochdeutsch miteinander sprechen. 

Und heute gibt Maria-Theresia Müller ihrem Hund die Befehle auf Italienisch; so hat er es in der Schule gelernt. Auf Italienisch sind sie kurz und klar. In ihren Vierzigern wurden Maria-Theresia Müllers Augen immer schlechter, das Sichtfeld kleiner. Sie strauchelte öfter, weil sie einen Trottoirrand oder eine Stufe nicht gesehen hatte.
Sie wusste, was ihr der Arzt schon als 21-Jährige gesagt hatte: Sie wird erblinden. 

Nachdem es immer leiser geworden war, ist es jetzt auch noch dunkler geworden.
«Ich wusste weder ein noch aus», sagt sie. Schon ihre Taubheit erschwerte es enorm, mit ihrem Umfeld in Kontakt zu kommen. Wie sollte das gehen, wenn sie auch nicht mehr sah? Wie sollte sie mit ihrem Mann, mit ihren Kindern kommunizieren?
Sie hat etwa vor zwanzig Jahren das letzte Mal gesehen, und das auch nur noch schemenhaft. Wann genau es war, kann sie nicht mehr sagen. In ihrem inneren Auge sind sie noch immer jung und ihr Mann noch nicht alt. 

Von ihren fünf Enkeln hängen in ihrer Wohnung überall Fotos, aber sie hat weder die Fotos noch ihre Enkel selber jemals gesehen. 

Nachdem sie ganz erblindet war, hat nur noch ihr Mann von den Lippen lesen können. Wenn sie redete, aber nicht wusste, wo genau er stand, kam er zu ihr und drehte ihren Kopf zu ihm, sodass er ablesen konnte, was sie sagte. Sie rüsteten die ganze Wohnung so aus, dass sie sich noch zurechtfinden konnten. Wenn es klingelte, dann stand nicht unbedingt Besuch vor der Tür. Es konnte auch der Backofen sein, der sich aufgeheizt hatte. Alle Apparate in der Wohnung piepsen, sprechen, vibrieren oder blinken. Die Waschmaschine, der Computer, der Webstuhl, das Handy. Er hatte einen Wecker mit Blinklicht, sie einen, der unter dem Kopfkissen vibriert. 

Sie schrieben sich in die Hand

Als Maria-Theresia Müller auch nicht mehr sah, wurden ihre Hände wichtiger. Taubstumme finden auch mithilfe der Lormen- Schrift Kontakt zur Aussenwelt. Dabei schreiben sie sich gegenseitig in die Hand. Jeder Punkt in der Handfläche und auf den Fingern entspricht einem Buchstaben. Wenn Maria-Theresia Müller heute eine Schulklasse besucht und mit den Kindern die Schrift übt, sind die begeistert. Im Alltag aber ist eine Unterhaltung mit der Lormen-Schrift langwierig. Schon ein Wort, schon ein Satz braucht viel Geduld. Das Paar kommunizierte nur noch mit einfachsten Worten oder aber mit Gesten. Streckte sie den Zeigefinger hoch, war es für ihren Mann wieder an der Zeit, Blut zu entnehmen. Das funktionierte Im Alltag noch. «Wenn aber einer von uns traurig war oder verzweifelt, war es für uns schwierig, auszudrücken, was wir empfanden», sagt Maria-Theresia Müller. Schnell hatten sie sich missverstanden. Wenn sie einander gar nicht mehr fanden, kam ein Seelsorger für Gehörlose zu ihnen. Er half ihnen, ihre Sorgen zu formulieren. Manchmal, so sagt Maria-Theresia Müller, hätten sie aber erst gar nicht gemerkt, dass es dem anderen nicht gut ging. Sie hat nicht gesehen, dass er still am Tisch sitzt, und er hat sie nicht seufzen gehört. Maria-Theresia Müller ist aufgestanden und klopft den Sand von der Hose. Der Hund ist unruhig geworden und schaut erwartungsvoll zu ihr hoch. Sie bleibt still am Grab stehen, den Kopf gesenkt. Wie gut haben sie sich gekannt? Sie überlegt lange. «Was soll ich sagen?» Beide, sie und ihr Mann, waren an sich offene und zugängliche Leute, die gern mit anderen kommunizierten. Aber eigentlich hätten sie von Anfang an nur das Notwendige miteinander gesprochen – zu umständlich war es. Und nachdem die Kinder ausgezogen waren, ist noch weniger notwendig gewesen. Ihr Mann arbeitete viel im Garten und sie im Haushalt und an ihrem Webstuhl. Maria-Theresia Müller spricht mit feiner Stimme. Einzig ein leichtes Lispeln deutet darauf hin, dass sie nur dank eines Cochlea-Implantats hören kann, das operativ in den Kopf hineingebohrt wurde. Sie sah schon nichts mehr, als ihr eine Freundin davon berichtete. Dafür brauchte es drei Operationen, und danach musste sie das Hören erst wieder erlernen. Dafür musste sie fast ein Jahr lang konsequent trainieren. Am Grab ist alles gerichtet. Maria-Theresia Müller läuft nach Hause. Als sie diesen Weg das erste Mal allein ging, fand sie das Grab nicht. Es war Sonntag und mehr Betrieb auf dem Friedhof als sonst. Sie konnte die akustischen Marken nicht hören, die ihr sonst Orientierung boten, und ihren Hund zog es hierhin zu den Leuten und dorthin und sie mit sich. Sie verlor völlig die Orientierung und musste umkehren. Nun läuft sie an der Wasserstelle vorbei, durch das Friedhofstor, weiter Richtung Brunnen. Der Hund weiss, dass er ihr an diesen Marken ein Zeichen geben muss, indem er daran hochspringt. So haben sie mit einem Instruktor der Hundeschule den Weg zum Grab einstudiert. Damit der Hund die Marken in guter Erinnerung behielt, strich der Instruktor Leberwurstpaste daran. Er half Maria-Theresia Müller auch, eine innere Karte anzulegen, sie besteht aus Geräuschen, Treppen und aus der ganzen Möblierung der Gemeinde. So findet sie noch immer zu ihrem Mann.

Quelle: Der Bund | Erstellt: Bith
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