BARRIEREFREI DURCH SOLOTHURN

/ Interessenvertretung

Wo Menschen mit Beeinträchtigungen auf Hindernisse stossen.

Ein besonderer Stadtrundgang
mit Jürgen Hofer (Direktor Solothurn Tourismus), Stefan Keller
(Rollstuhlfahrer) und Thomas A. Biedermann (sehbehindert)
Ein besonderer Stadtrundgang mit Jürgen Hofer (Direktor Solothurn Tourismus), Stefan Keller (Rollstuhlfahrer) und Thomas Biedermann (sehbehindert)

Ein Augenschein durch Solothurn zeigt auf, wo Menschen mit Beeinträchtigungen auf Hindernisse stossen, und was dagegen zu tun ist.

© Andreas Kaufmann SZ

Stefan Keller bringt seinen Rollstuhl zum Stillstand: «Was mir immer wieder auffällt: Solothurn ist eine schöne Stadt.»
Eine Stadt, die der Gleitschirm-Lehrer nach der Rehabilitation in Nottwil «von etwas tiefer» kennenlernte:. 2013 war der Bellacher mit dem Gleitschirm abgestürzt, wurde zum Paraplegiker. So steht an diesem Vormittag nicht die Schönheit der Stadt im Vordergrund: Keller nimmt die Stadt zusammen mit Thomas Biedermann unter dem Aspekt der Barrierefreiheit unter die Lupe. Wohlwissend, dass Barrierefreiheit auch bedeutet, wo möglich, die Selbstständigkeit zu fördern.

Während Kellers Kriterienkatalog die Fragen des Zugangs umfasst, sind es bei Biedermann die der Orientierung: Die Welt erschliesst sich dem Egerkinger durch ein «Schlüsselloch» und nur durchs linke Auge – «nach einer Rückenoperation mit Komplikationen». Biedermann ist Interessenvertreter des Schweizerischen Blinden- und Sehbehinderten-Verbands, Sektion Aargau-Solothurn.

Zum Rundgang eingeladen hatte Tourismusdirektor Jürgen Hofer: «Wir wollen feststellen, wo Barrierefreiheit gelingt und wo sie scheitert.» Unter anderem mit Fokus aufs Einkaufserlebnis, auf Tourismus und auf Wertschöpfung. Aber ohne Mahnfinger. Das Ziel: Optimierungspotenziale erkennen und die Stadt weiterentwickeln.

Behindertenparkplätze für einen Gabelstapler

Im ersten Beispiel ginge dies mit etwas Achtsamkeit locker:
«Typisch», sagt Keller und deutet auf zum Baudepot umfunktionierten Behindertenparkplätze beim Hauptbahnhof. Hinter einer Abschrankung ist ein Gabelstapler platziert – damit fallen von total vier Parkfeldern zwei weg. Biedermann erkennt weitaus mehr Optimierungsbedarf am Bahnhof.

Er analysiert das Leitliniensystem für Blinde:
Oft seien sie mit Bauabschrankungen und Gerätschaften blockiert. Kollisionsgefahr, wie er am eigenen Leib erfahren musste. «Aber wenn man die Verantwortlichen kontaktiert, zeigen diese sich froh und einsichtig.» Eine «Katastrophe» sei der südliche Teil der Bahnhofunterführung. Dort fehlen die Leitlinien gar. «Entlang der Wände, wo Plakate und Fahrpläne montiert sind, kann man sich nicht orientieren.» Und ein Durchkommen zur Rush Hour: fast unmöglich.

Andernorts sind Leitlinien geplant, wo sie kaum sinnvoll seien: über die Kreuzung Niklaus-Konrad-Strasse und Hauptbahnhofstrasse. «Hier fährt achtmal pro Stunde ein Bus vorbei.» Will heissen: Die durch den Blindenstock ertastbaren Bodenerhebungen werden nach wenigen Monaten abgetragen sein.

Weiter nördlich, wo Aussenbestuhlungen und andere Elemente die Route für Sehbehinderte zum Hindernislauf machen, wären Leitstreifen sinnvoller, sagt Biedermann. Dass man beim Prüfen der Parameter zum Schluss kam, es sei zu eng dafür, ist ihm unverständlich. Und darin teilen sich Biedermann und Keller die Meinung: Gerade das Festhalten an Normen verhindere oft pragmatische Lösungen und Kompromisse. An besagter Stelle weicht man als Sehbehinderter auf den Strassenrand aus, wo wild parkierte Autos im Wege stehen. Leitstreifen würde sich Biedermann hingegen bis zur Kreuzackerbrücke wünschen. Einstweilen bleibts ein Wunsch.

Ein Eurokey löst viele «Bedürfnisprobleme»

Lobende Worte hat Keller für eine «Nette Toilette» in einem Hotel auf dem Weg parat: Möglichst einfach sollte sie gehalten sein für Rollstuhlfahrer. Keinen elektrischen Seifenspender, keinen elektrischen Handtrockner. «Wegen Störungsanfälligkeit». Gerade auf dem Toilettengang sei für Querschnittgelähmte ein erhöhter Hygienebedarf angezeigt.
Sprich: Normale Seife und Handtuch «funktionieren» immer. Sauberer seien Behinderten-WCs übrigens auch dann, wenn sie nicht für alle Welt zugänglich seien. «Viele Rollstuhlfahrer haben einen Eurokey, einen Schlüssel speziell für Toiletten.» So sei es auch nicht nötig, sich in einer Bar in die Schlange einzureihen, damit man den WC-Schlüssel erhält.

Dies erklärt Keller auch einer Angestellten eines Lokals am Landhausquai, die zum ersten Mal vom Eurokey gehört hat. Auf dem Weg zurück zum Aaremürli stehen massive Sonnenschirm-Sockel im Weg. «Die werden im Herbst durch Einlassungen in den Boden ersetzt», erklärt die Angestellte. Das Bewilligungsprozedere aber habe sich fast ein Dreivierteljahr hingezogen.

Der «Bsetzistei», eine Massage fürs Gesäss

Und dann zum viel beschworenen Thema «Bsetzistei» der Altstadt: Historisch nicht aus dem Stadtbild wegzudenken – aber auch nicht überall ein Hindernis für Rollstuhlfahrer. «Das Rütteln hilft bei der Durchblutung des Gesässes», sagt Keller, während er den Chronestutz hochblickt. Dieser ist kein Hindernis für ihn, wohl aber für andere.

Einzig Pflästerungen wie am Zeughausplatz seien für Rollstühle «wie für Stögelischuhe» ein Hindernis. «Hier würde ein schmaler befahrbarer Streifen am Rand helfen.» Gerade der Friedhofplatz macht es vor. Und oft lässt sich die Pflästerung auch durch Betonfugen befahrbarer machen, ohne dass sich die Optik merklich ändert. Indes setzt Biedermann auf Regenrinnen, die als Orientierungshilfen dienen.

Von Hindernissen in den Köpfen

«Bringen Sie bitte mal die Rampe?» ruft Keller an diesem Morgen gleich mehrfach in offene Verkaufsgeschäfte. Und mehrfach reagiert man zuvorkommend, mit Rampen, die mehr oder weniger taugen.
Dabei würde gerade die Sichtbarkeit Schwellen für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen abbauen, ohne dass diese resigniert an den Läden vorbeirollen. Und dann sind da Rampen, die von Menschen zu Fuss als Hindernisse gesehen werden. «Es gibt Kunden, die reklamieren, wenn die Rampe hier steht», kommentiert eine Verkäuferin. Deswegen werde sie nur auf Wunsch von Rollstuhlfahrern hingestellt.

«Die grösste Behinderung ist die in den Köpfen der Menschen», sagt Keller. Und seinem und Biedermanns Ziel, unsichtbare Hürden sichtbar und erfahrbar zu machen, wurde der Rundgang allemal gerecht. «Wenn man von Integration und Inklusion spricht, sind wir es, die inkludieren müssen», sagt Stefan Keller über die Mission, die immer weiter gehen wird.

Erstellt: Bith
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